(15.05.2006/Irena Böttcher) Ursprünglich bedeutete Zensur - neben der Schulnote - ausschließlich die behördliche Prüfung und das Verbot von Druckschriften. Inzwischen hat der Begriff sich im Sprachgebrauch erweitert. Als Zensur wird heute nahezu alles bezeichnet, bei dem Einfluss auf inhaltliche Aussagen genommen wird, der nicht durch die Anforderung zur Wahrhaftigkeit und Logik gerechtfertigt ist.
Dieser Vorgang selbst ist in der Empfindung der Menschen durchweg negativ belegt. Man kritisiert diese Form des Einflusses, hält sie für unerlaubt - und schwingt deshalb das Wort "Zensur" wie eine schlagkräftige Keule. Zu Recht. Nur allzu oft werden tatsächlich nicht Wahrhaftigkeit und Logik, sondern angebliche Sachzwänge zu Argumenten gegen Aussagen. Die in Wirklichkeit oft genug nur deshalb zurechtgestutzt werden sollen, weil sie nicht ins – politische oder wirtschaftliche - Konzept passen. Ein Sachzwang, um eine Einschränkung zu rechtfertigen, findet sich eigentlich immer. Wenn Juristen etwas beigebracht bekommen und etwas können, dann das: Es findet sich für alles eine Begründung, man muss nur lange genug danach suchen. Mögliche Argumente in diesem Zusammenhang sind: Der Schaden für das Ansehen einer Person, wenn eine unangenehme Wahrheit über sie verbreitet wird. Die wirtschaftlichen Folgen höchst angebrachter Unkenrufe. Sehr schnell ist man da auch mit undefinierten Moralvorstellungen wie Anstand und Ehre dabei - die schließlich jeder auslegen kann, wie er es gerade braucht. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder ungeschminkt einfach sagen würde, was er denkt. In der Tat - wo kämen wir da hin. Es ist die Basis jedes Zusammenlebens, dass Rechte nicht uneingeschränkt dominieren dürfen. Anscheinend haben Rechte es an sich, dass ihre Kehrseite oft genug eine Einschränkung an anderer Stelle ist. Natürlich gehört zu jedem, der sich im vollen Bewusstsein seiner Freiheit ausbreitet, ein anderer, der ihm Platz macht, damit er sich überhaupt ausbreiten kann. Aber auch ganz abstrakt betrachtet stehen einige Rechte nicht im Einklang mit-, sondern im Widerspruch zueinander. Das Recht auf Meinungsfreiheit, vor allem in der Ausprägung der Pressefreiheit, und die Kunstfreiheit beispielsweise kollidieren manchmal mit dem Recht des einzelnen auf Nichtantastung seiner Ehre. Genügend solcher Fälle landen immer wieder vor den Gerichten. Folglich können all diese Rechte nicht schrankenlos durchgesetzt werden. Das eine wie das andere nicht. Die Kunst ist es, einen gangbaren Kompromiss zu finden, der beide Rechte maximal zur Geltung kommen lässt. Güterabwägung nennen das die Juristen. Immer schauen, wie weit ein Recht im Einzelfall gehen darf, ohne dass das andere zu sehr mit Füssen getrampelt wird. Das ist der positive Hintergrund von Zensur. Und an diesem ändert sich auch dann nichts, wenn die Zensur immer wieder zum Knüppel für ganz andere Zwecke wird. Gerade im Porno-Bereich haben wir vielleicht noch mehr als in manchem anderen mit der Zensur zu tun. Dürften wir hier alles zeigen, alles sagen, könnte das Jugendliche in ihrer Entwicklung beeinträchtigen, sie gefährden. So heißt es, und so wird es durchweg ebenso beweis-los oder mit dünnen Sachargumenten behauptet wie bestritten. Der Jugendschutz wird so zum Regulativ für die Meinungsfreiheit, unter staatlicher Kontrolle. Über Sinn und Unsinn lässt sich in diesem Zusammenhang lange diskutieren; das aber ist nicht Thema dieses Artikels. Mir geht es jetzt um die anderen Formen der Zensur, die für uns längst selbstverständlich geworden sind. Über die nicht mehr diskutiert wird. Und gerade darin liegt die Gefahr. Denn solange bei der nötigen Güterabwägung zumindest nachgedacht und diskutiert wird, besteht Hoffnung auf eine brauchbare Lösung. Wo aber Mechanismen unreflektiert übernommen und akzeptiert werden, ist die Gefahr groß, dass sie sich verselbstständigen und statt einer Güterabwägung am Ende schlicht eine Güter(unt)erdrückung steht. Beginnen wir mit dem, was manche Selbstzensur nennen. Was einige als Feigheit beschimpfen, und andere als vorsichtige Vernunft hochhalten. Kaum ein Porno-Webmaster in Deutschland überlegt sich inzwischen nicht, welche Inhalte er im Netz zeigt und welche nicht. Manch eine Geschichte, manch ein Foto werden in Member-Bereiche verbannt oder in die Wüste Zeigichbessergarnicht. Oder man wählt den billigen Ausweg, der meistens nicht halb so sicher ist, wie man das gerne glauben möchte – den virtuellen Umzug ins Ausland plus die "privacy" beim Provider. Ist das sinnvoll? Grundsätzlich mit Sicherheit. Problematisch allerdings, wenn die Selbstzensur sich ver-selbst-ständigt und das Nachdenken dabei eingestellt wird. Weder vorauseilender Gehorsam noch sture Bockigkeit sind dabei die Lösung. Die es in patentierter Form ohnehin nicht gibt. Jeder muss hier selbst entscheiden, was er tut. Nur: Entscheiden sollte er. Nicht einfach handeln. Dann gibt es unter uns Menschen aus der Adult-Branche - und nicht nur unter uns; aber das ist wieder ein anderes Thema - noch eine weitere Form der Zensur: Die Schere im Kopf. Wir sind keine homogene geschlossene Gesellschaft, sondern ganz unterschiedliche Menschen. Deshalb beschimpfen wir uns untereinander oft mindestens ebenso intensiv – teilweise sogar noch mehr -, wie die Menschen, die über die gesamte Porno-Industrie die Nase rümpfen. Wir bilden Gruppen und Grüppchen, solidarisieren uns, ent-solidarisieren uns, schimpfen, meckern, verhöhnen, verlachen und versuchen es nicht nur in den Foren nach der Devise, der lauteste Schreier setzt sich durch. All das sind ebenfalls Formen von Unterdrückung Meinung und Überzeugung. Sachzwänge, die über Inhalte bestimmen. All das ist genau genommen ebenfalls eine Form der Zensur. Mit einem großen Vorteil: Es ist keine staatliche Zensur. Sie kann sich nur durchsetzen, wenn wir sie anerkennen. Und sie hat nur die Machtmittel, die wir selbst ihr geben. Also - keine ... |