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Normalbürger trifft AWM auf dem Amt
Normalbürger trifft AWM auf dem Amt(01.06.2006/Eric Hegmann- stern.de)  Diese Woche lernte ich meinen ersten Porno-Produzenten kennen. Privat, zufällig – nicht aufgrund einer Recherche oder am Rande einer Messe zu einem Interview.

Ich wartete mal wieder auf ein Duplikat eines verloren gegangenen Dokumentes und ärgerte mich über meine Schusseligkeit, als sich ein Mittdreißiger im hellgrauen Anzug neben mich setzte, mit einer Aufrufnummer, die zweistellig von meiner entfernt war, und sich zurecht auf eine längere Wartezeit einstellte. Er packte seine Notebook aus, wählte sich via Funkverbindung ins Internet ein und rief flugs eine Pornosite auf.

Dass es sich um eine XXX-Website handelte, war nach dem ersten vorsichtigen Seitenblick klar: Überall quietschbunte DVD-Cover mit angestrengt kopulierenden Damen und Herren.

Ich muss wohl reichlich irritiert geschaut haben, denn mein Nachbar grinste breit und meinte: „Keine Sorge, ich werde mir in einem Amt jetzt keine Pornos ansehen. Ich arbeite allerdings in dieser Branche und muss ein paar Dinge auf dieser Website korrigieren. Das stört Sie hoffentlich nicht, sonst setze ich mich gerne woanders hin.“

Neugierig erkundigte ich mich, wie denn seine Job-Beschreibung genau aussehen würde, und er erklärte mir, er sei Pornoproduzent. Er würde Filme selbst drehen, Lizenzen kaufen, Lizenzen verkaufen sowie Videotheken, Sexshops und PayTV-Sender mit Inhalten versorgen.

„Und natürlich das Internet beliefern“, sagte er und deutete auf den Monitor. „Ein gigantischer Markt.“

„Ach“, sagte ich. „Was bedeutet gigantisch?“

„30 Milliarden Euro im Jahr. Weltweit. Nur im Internet wohl gemerkt.“

Bevor ich meine zu Boden gefallene Kinnlade aufsammeln und weitere Fragen stellen konnte, wurde meine Nummer aufgerufen. Wie zuhause: Man wartet auf einen Anruf, der nicht kommt, aber kaum steht man unter der Dusche, klingelt das Telefon.

Ich verabschiedete mich und stürzte ins frei gewordene Büro. Dort empfing ich mein frisch gedrucktes Dokument im Austausch gegen stolze 59 Euro.
Selbstverständlich schoss mir sofort durch den Kopf, was ich mit 59 Euro sonst noch Schöne(re)s hätte kaufen können und wie viele biometrische Reisepässe verkloppt werden müssen, um einen Umsatz wie die Pornobranche zu generieren. Mein integrierter Taschenrechner hängte sich jedoch auf, als ich einen durchschnittlichen Pro-Kopf-Porno-im-Netz-Konsum errechnen wollte und mit brummendem Schädel verließ ich das Amt.

Da wundert es doch kaum, dass nach einer australischen Studie bereits fünf Prozent aller Scheidungen mit Cyber-Sex und Internet-Untreue begründet werden. Wie schön, dass der Online-Dating- und Partnervermittlungsmarkt gleichzeitig nach Schätzungen amerikanischer Analysten knapp 1,6 Milliarden Euro weltweit 2006 einspielen wird. Da ist wohl noch viel Luft nach oben.

 
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