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(31.06.2006/AK) Unsere liebe Kollegin Irena hat sich mal ein paar interessante Gedanken über Gesprächsplattformen im Internet gemacht und das Resultat ist ein kritisches Zeilenwerk mit dem Prädikat: unterhaltsam und lesenswert.
(Irena) Forum Romanum: Das lateinische "Forum" bedeutet Marktplatz, und ein Marktplatz ist ein Ort, an dem etwas mit möglichst viel Geschrei zu Markte getragen wird in der Hoffnung, es möge sich ein Käufer dafür finden. Deuten kann man es allerdings auch als Gerichtsort, denn an dieser öffentlichen Stelle wurde neben all diesen lauten Anpreisungen auch Recht gesprochen. In einem Forum aus dem Internetzeitalter findet man all das wieder.
Man trägt seine Haut - Verzeihung, seine Meinung - zu Markte, weil Meinungen das sind, wovon sich jeder Intellekt ernährt, und wer sich die Mühe nicht machen will, die Schrotkörner der Informationen selbst zu zermahlen, kauft sich halt Fertigmehl. Und ebenso wie auf einem öffentlichen Marktstand weiß keiner, wer wirklich dahinter steht, hinter den Meinungen, denn es gibt nur Plakate für die Waren, nicht für den Verkäufer, der in seiner Anonymität unbesorgt faule Äpfel, angegammelten Pfeffer, überreife Tomaten und andere Nettigkeiten verkaufen kann, solange nur die oberste Schicht den Regeln des Forums respektive der Marktleitung entspricht und die Kunden, die sich scharenweise täglich vor seinem Tapeziertisch für die neue Eurotapete drängeln, jeden Mist nehmen, weil es einfach lustiger ist, als bei Aldi einzukaufen, also einer nüchternen Info-Seite. Geld wechselt dabei allerdings nur äußerst selten den Besitzer; die meisten Foren sind streng un-kommerziell, und bezahlt wird allein in der wohlfeilen Münze der Worte. Von denen niemand satt wird, die aber dennoch jeder aufschlabbert, als wären sie das Wasser des Lebens. Und sei es nur, um sich nachher darüber das Maul zu zerreißen, wie wenig das wässrige Zeug wirkt, denn man wurde weder jünger, noch schöner, noch klüger, und erst recht nicht unsterblich. Unsterblich sind nur die Worte selbst - wenigstens für die Lebzeit der manchmal erstaunlich kurzlebigen Foren. Etwas, das einen wehmütig die Vorteile kurzer Halbwertszeiten erwägen lässt. Ein Wunsch, der unerfüllt bleiben muss, denn gespeist werden diese Worte aus dem echten Wasser des menschlichen Lebens. All dem, was man im realen Leben so sorgsam verbirgt, weil die Erziehung das so fordert und von dem man einfach auch gelernt hat, es gehört sich weder, noch bringt es irgendjemanden weiter. Womit wir beim öffentlichen Gerichthalten wären, das in den Demokratien dieser Welt aus gutem Grunde speziellen Verfahren unterworfen wird, die sich am Ausgleich der Rechte aller Beteiligten versuchen. Etwas, das für eine öffentliche Gerichtsverhandlung auf einem antiken Marktplatz ebenso undenkbar ist wie für die Anprangerungen eines modernen Forums. Das Hyde'sche Internet bietet da jedoch dem moralbewussten Dr. Jekyll den passenden Ausweg. Denn wovon niemand weiß, dass ich es war, daraus folgt auch kein Ärger; oder höchstens ein solcher, der ins leere Nicknämchen läuft und mich nicht weiter kratzt. Was natürlich ein ordentliches Zurückkratzen und -beißen meines Nicks keineswegs überflüssig macht. Wobei es durchaus wahre Marktbummler gibt, die quasi als Touristen über den Platz schlendern, sich jeden Stand ausgiebigst beschauen, und überhaupt nichts erwerben, ihre kostbaren Worte also brav im Brustbeutel behalten, der vor Copyright-Dieben schützt. Pfui, welche Schmarotzer! Ein Markt lebt vom Austausch, nicht vom einseitigen Genuss. Andererseits - es existieren genügend Besucher mit geradezu zwanghafter Kaufsucht; ein Aussterben des fröhlichen Markttreibens muss also niemand befürchten. Apropos - die Aussage, auch das virtuelle Leben sei schließlich real, da es schlicht existiere, und damit weder eine Sucht noch Flucht, ist sehr real. Obwohl die meisten Wiederholungen dieser These in der virtuellen Welt zu finden sind, in - nun ja, in Sucht-Foren selbstverständlich. Was uns zum Thema zurückführt. Mit dem Fazit, ein Forum ist heute noch dasselbe wie bei den alten Römern. Ein potenzieller, riesiger Neppladen, indem jeder Anbieter versucht, den anderen zu übertönen. Mit einem unbestreitbaren Vorteil - der virtuelle Lärm ist nicht messbar in Dezibel. Auch wer am Internet wohnt, muss ihn nicht zwingend zur Kenntnis nehmen. F o r e n Ein Forum ist oft genug: Etwas, wo Leute, die nicht lesen können, denen, die nicht denken können erklären, wie die Welt funktioniert. Der einzige Ort, an dem man hoffen kann, noch mit den gröbsten Rechtschreib- und Grammatikfehlern ebenso wie mit den gröbsten Beleidigungen Furore zu machen. Eine Einrichtung, die es ermöglicht, intimste Dinge frei zu erzählen, die man nicht einmal dem besten Freund, der besten Freundin oder dem eigenen Partner verraten würde. Kein Wunder - die würden einem dabei ja ins Gesicht sehen. Dasselbe gilt übrigens für boshaftesten Klatsch, gemeinsten Tratsch und fieseste Intrigen – das gedeiht alles ebenfalls wunderbar im Sumpf der Anonymität. Ein Projekt, für das diejenigen, die es in die Welt setzen, sich eine genaue Ordnung überlegen; mit Themen, Threads, Überschriften, Regeln. Pech nur, dass diejenigen, die das Ding dann leben lassen, sich einen Teufel darum scheren. Eine Internetseite, auf der die Teilnehmer sich nicht durch einen Namen identifizieren, sondern durch irgendeinen klugen Spruch hinter dem Allerweltsnick. Macht nichts, dass die meisten Sprüche geklaut sind. Der Klauer ist ja dadurch noch lange nicht identifizierbar. Eine Informationssammlung, in der die Informationen in der Ansammlung von Plattheiten darum herum glatt verloren gehen. Eine Gewissensberuhigung für die Leute, die glauben, mit ein paar markigen Worten auf einer URL, auf der im Laufe der Zeit einige Leute vorbeikommen, sei in der realen Welt tatsächlich etwas bewegt worden. Die einzige Stelle, an der die Menschen noch nicht ausgestorben sind, die glauben, durch schlichte Wiederholung werde ein Vorurteil zum Stein der Weisen, mit dem man dann andere bewerfen kann. Eine Plattform, auf der Leute ihre Mailkriege öffentlich führen können und wie bei einem Boxkampf fast jeder Partei ergreift. Bloß Wetten auf den Sieger gibt es (noch) keine. Eine Gelegenheit, den Unterschied zwischen Meinungs- und Schlagabtausch zu lernen. Nur Vorsicht - bevor man ihn gelernt hat, hat man garantiert die ersten 20 Wörterohrfeigen schon weg. Eine Droge, von der viele schon längst nicht mehr loskommen. Stundenlang jeden Tag sind sie in den verschiedensten Foren unterwegs und posten, was das Zeug hält. Ein schlagender Beweis dafür, dass die Deutschen zu viel Freizeit haben oder die Surf-Überwachung seitens der Arbeitgeber noch längst nicht perfekt funktioniert. Eine gute Möglichkeit, den inneren Schweinehund nicht zu überwinden, sondern von der Kette zu lassen. Etwas, wo man haufenweise Leute kennen lernen kann, mit denen man lieber gar nichts zu tun haben will. Eine Folge des Strebens nach Interaktivität, der sich ein aktiver Webmaster kaum mehr entziehen kann. Auf die Frage, warum Forum, gibt es eigentlich nur eine Antwort: Quorum Forum! Eine Chance, Gleichgesinnte zu finden, wenn man schon immer Angst hatte, keinen Ausweg aus der geistigen Umnachtung zu finden. Jedoch, keine ungerechtfertigten Hoffnungen: Den Weg zum Licht findet man hier auch nicht. Aber man ist nicht mehr alleine in der Dunkelheit. |