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Freies Netz für freie Bürger?

Freies Netz für freie Bürger?(15.11.2006/Irena) Ein Plädoyer: Ein freies Netz haben wir doch, oder? Haben wir nicht? Aber freie Bürger, die eigentlich genau das brauchen, ein total freies Netz?

Fangen wir einmal damit an, was das eigentlich heißt, ein freies Netz. Ein Internet, in dem jeder selbst entscheiden kann, welche Seiten er sich ansieht und welche nicht. In dem keiner Informationen oder anderes aufgedrängt bekommt, das er nicht haben will.

Und schon sehen wir, weshalb es ein freies Netz auch ganz ohne Jugendschutzgesetze gar nicht gibt. Lassen wir mal die leidige Diskussion um Altersverifikation, Postident, Dongle, Filter und Sperrungsverfügungen außer Betracht.

Es gibt Spam-Mails; besonders häufig versandt von Viagraverkäufern und Pornoseitenbetreibern. Selbst unser kleines Portal hat mit Hunderten dieser Dinger zu kämpfen. Da wird mal offen für eine Seite geworben, von der ich gar nichts wissen will, da wird mal unter einem Vorwand versucht, mich auf eine ganz bestimmte URL zu leiten. Die Trickser bei den Spammern sind besonders liebenswert. Ein alter Schulfreund will mich angeblich sprechen, ich habe irgendetwas gewonnen, soll meine Daten erneut eingeben, weil mein Account deaktiviert worden sei, und solcherlei Scherze mehr. Die unangenehmeren dieser URLs starten dann auch noch gleich den automatischen Download eines Dialers, den allein eine restriktive Einstellung des Browsers stoppt.

Dann gibt es die Layer-Werbung oder die Popup-Fenster, dieselben in Serie, oder so, dass sie hinter anderen Fenstern verschwinden und zunächst einmal mühsam gesucht werden müssen, bevor man sie verärgert und genervt endlich schließen kann. Hauptanwender solcher Methoden: eBay und Erotikwebseitenbetreiber. Daneben haben wir noch Tricksereien der anderen Art.

Welches Produkt man auch immer bei Suchmaschinen eingibt, man kann sicher sein, unter den angegeben Internetseiten taucht immer mehrfach (zum Teil sogar beinahe ausschließlich) eBay auf; unter den verschiedensten Deck-URLs mit Umleitung oder als Linksammlung getarnt.  Zahlende Anbieter schieben ihre Angebote nach vorne.  Und über welche erotische Technik man auch mehr wissen will - es führt kein Weg an stapelweise Megatittenbilderseiten vorbei, die alles, was es an Suchworten gibt in Zusammenhang mit Erotik, auf ihre Fahnen respektive in ihre Header geschrieben haben. Selbst absolut unschuldige Suchwortkombinationen führen an Sex keineswegs immer vorbei.

Ich bin also überhaupt nicht frei darin, welche Seiten ich mir ansehe. Vielmehr drängen sich mir diverse Seitenbetreiber geradezu unanständig hartnäckig auf und schrecken dabei auch vor astreinen Mogeleien nicht zurück.

Ganz ehrlich - ich will nicht, dass unsere Kinder eBay für das Wunderkaufhaus halten, bei dem man alles kriegt und auf Preise nicht schauen muss. Nicht nur, weil sie irgendwann selbst mitbieten, sondern auch, weil solche irrealen Werbebilder zu völlig überzogenen Wunschzetteln für Weihnachten führen.
Ich will auch nicht, dass die Knirpse per Popup, über das Suchwort "Melkmaschine" oder auf der Suche nach Informationen über unseren Wohnort anlässlich eines Schulaufsatzes auf eine Pornoseite stoßen (diese Suchwort-Beispiele sind übrigens keineswegs fiktiv!). Und ich will ebenfalls nicht, das irgendein Spam-Mail in ihrer Mailbox sie auf eine solche Schmuddelseite lockt, die womöglich gleich versucht, noch ordentlich Geld per Dialer-Betrug abzuzocken.

Alles Ausnahmen, alles schlechte Beispiele; ja. Die aber leider viel zu häufig vorkommen, um sie einfach zu ignorieren.

Das Internet kennt keine Ländergrenzen. Der übelste Kram kommt im Zweifel noch immer aus Amerika, wo die Live-Verstümmelung schon längst nur noch zum müden Gähnen führt. Deshalb sind nationale Ansätze, bestimmte Regelungen zu schaffen, auch automatisch mit gravierenden Nachteilen behaftet, womöglich ganz zum Scheitern verurteilt.

Grundsätzlich allerdings kann ich nichts Schlechtes darin finden, dass man sich darum bemüht, die schlimmsten Auswüchse gar nicht erst hochkommen zu lassen oder auf irgendeine Weise gesetzlich einzudämmen.

Das laute Geschrei, das aus der Ecke der Erotik-Webmaster dagegen kommt, hat zwei verschiedene Ansatzpunkte. Das eine ist der kommerzielle. Natürlich ist Geldverdienen erlaubt; aber was spricht dagegen, dabei gewisse Grenzen einzuhalten?  Und das andere ist der ideelle. Die Freiheit der Presse, des Wortes, der Persönlichkeitsentfaltung.

Alles richtig. Aber in einer Gruppe, und zwar noch im kleinsten Verein, auf dem kleinsten Stammtisch, bei der kleinsten Privatfete, ja, selbst in der lieben alten Zweierbeziehung gilt keine Freiheit schrankenlos. Das Ziel ist, bei verschiedenen Rechtsgütern, von denen eines sich nicht frei entfalten kann, ohne das andere zu beeinträchtigen, einen Kompromiss zu finden. So, dass insgesamt die größtmögliche Freiheit für alle dabei herauskommt. Was für den einzelnen oder eine Teilgruppe an einzelnen Stellen immer eine stärkere Einschränkung bedeuten kann.

Sobald es um rechtsradikale Seiten geht, haben die meisten von uns auch keine Schwierigkeiten, dieser Argumentation zu folgen. Nun, dass man auf dem eigenen Auge blind ist, ist nichts Ungewöhnliches. Hauptsache, man macht es sich irgendwann einmal bewusst. Und beginnt zu denken und fundiert zu argumen-tieren, statt nur blind zu protestieren.

Und apropos Meinungsfreiheit - es gibt genügend glühende Verfechter der Meinungsfreiheit, bei denen eben jene sich ausschließlich auf die Verbreitung von Tittenbildern und Wichsgeschichten bezieht und sofort aufhört, wenn jemand beispielsweise zum Jugendschutz eine andere Meinung vertritt als sie. Dann wird aus der Meinung des anderen ganz schnell eine Dummheit oder gar Frechheit - und wer solches wagt, dem geschieht recht, was dann geschieht: Er kriegt welche aufs Maul.

Selbstverständlich allein im Namen der Meinungsfreiheit. Anderen ihre Meinung zu verbieten, ist nämlich natürlich wieder eine nach Art. 5 GG absolut schützenswerte Meinung, die man in einem freien Land schließlich frei äußern können muss.

 
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