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Ein Pornostar, der Fußball spielen kann

Ein Pornostar, der Fußball spielen kann(29.12.2006/spiegel.de) Der deutsche Fußball-Profi Dirk Lehmann wurde in London und Edinburgh unfreiwillig zum Pornodarsteller und von den Fans frenetisch gefeiert. Obwohl er heute in der Verbandsliga-Mittelrhein kickt,wird er sein Image als Erotikstar nicht mehr los. "Hey, Mister, diese Story müssen Sie sich unbedingt anhören." Der Taxifahrer in London fängt an, die beste Geschichte zu erzählen, die er auf Lager hat. Von dem deutschen Fußballer, der zu Hause in Germany nicht vermittelbar ist, weil er nebenbei zum Pornodarsteller aufgestiegen ist Und der jetzt beim FC Fulham in London angeheuert hat. "Stellen Sie sich
vor, ein Pornostar, der Fußball spielen kann."

Der Taxifahrer gibt sich keine Mühe, seine Belustigung zu verbergen. Dirk
Lehmann zieht es vor zu schweigen, denn er ist der Pornostar, der gerade
aus der Lausitz nach London transferiert wurde und gleich bei seinem
Einstand zwei Tore für Fulham erzielte. Der zum "Man of the Match" gewählt
wurde und dem sein Mannschaftskollege Peter Beardsley eine Riesenflasche
Champagner in die Arme gedrückt hatte. Beardsley, der 59 Länderspiele für
England absolvierte, ihm, dem Nobody, den auch im deutschen Fußball die
wenigsten kannten.
"Das kam mir alles total komisch vor", sagt Lehmann, "das war wie ein
Sechser im Lotto, der dich aus deinem normalen Leben reißt." Lehmann ist
mit 50.000 Euro Ablöse der billigste Einkauf, den der Drittligist Fulham
1998 in seinem Kaufrausch tätigt. Geld spielt keine Rolle, nachdem
Multimillionär Mohamed al-Fayed, Besitzer des Nobelkaufhauses Harrods, den
Club gekauft hatte. Trainer Kevin Keegan sollte Fulham in die Premier
League führen. Nach den Heimspielen kommt al-Fayed regelmäßig in die
Kabine, um seinen Spielern edelste Schokolade in Form von Goldbarren zu
überreichen - das süße Symbol dafür, dass Geld hier alles kaufen kann.

Lehmann versteht nicht alles, was um ihn herum passiert, in diesem Sommer
1998. Vor kurzem saß er bei Energie Cottbus noch auf der Tribüne, weil er
es gewagt hatte, Trainer Ede Geyer unbequeme Fragen zu stellen. Davor hatte
sich der Stürmer zwei Jahre beim 1. FC Köln und drei Jahre in Belgien
versucht - ohne groß aufzufallen. In England feiern ihn nach wenigen
Spielen 40.000 Fans mit angeklebten Schnauzbärten. Lehmann ist neben David
Seaman der einzige im englischen Fußball, der es wagt, einen Schnauzer zu
tragen.

Am vergangenen Wochenende hatten sie ein Riesenbettlaken über die Fankurve
gespannt, 40 Meter breit. "Super Dirk Pornostar", war auf riesigen Lettern
darauf zu lesen. Lehmann muss immer wieder hinschauen, um sich zu
vergewissern, dass tatsächlich er damit gemeint ist. Mit der Pornoindustrie
hat Lehmann so viel zu schaffen wie ein Priesterseminar mit einem
Swingerclub. Aber sein Aussehen, der dunkle Schnauzer, die blondierten und
zum Pony gekämmten Haare und seine vielen goldenen Ohrringe, die er sich
vor dem Spiel abklebt, erinnerte die Engländer an einen Pornostar, der als
Dirk Diggler in dem Film "Boogie Nights" berühmt wurde.

"Der hatte Locken und ich nicht. Da kann man schon Unterschiede erkennen",
findet Lehmann, der sich aus Neugier einen Ausschnitt des Films angesehen
hatte. "Aber das hat sich schnell verselbstständigt", erzählt Lehmann. "Die
Leute haben wirklich geglaubt, dass ich ein Pornostar bin. Wenn jemand auf
der Toilette neben mir stand, hat er geguckt, ob ich wirklich so einen
großen, na ja, Sie wissen schon." Überall wird Lehmann nur noch Porno oder
Diggler gerufen. "Meine Frau war nicht so begeistert. Vor allem, wenn
unsere drei Kinder in der Nähe waren."

Sein eigenwilliges Aussehen hatte Lehmann schon kultiviert, als er in
seiner Heimatstadt Aachen für die Alemannia stürmte. Seine vielen Ohrringe
hält er für "eine fast religiöse Sache, die haben mir immer Glück
gebracht", der Schnauzbart ist über viele Jahre ein unverzichtbarer
Bestandteil seines Körpers. "Meine Kumpels haben immer gesagt, dass es nur
drei Männer gibt, denen ein Schnauz steht: Schimanski, Wolfgang Petry und
mir. Aber wenn ich heute die Fotos sehe, denke ich: Muss man ganz schnell
vergessen, diese Zeit."
Fulham schafft mit Lehmann auf Anhieb den Aufstieg in die zweite Liga, nach
Ablauf seines Einjahresvertrags liegen ihm 28 Angebote aus England und
Schottland vor. Lehmann entscheidet sich für Schottland und Hibernian
Edinburgh. Bei den Fans kommt der unkomplizierte Stürmer gut an, weil er
sich voll reinhängt. Während dem unfreiwilligen Pornostar in London vor
allem im Stadion gehuldigt wurde, kann Lehmann in Edinburgh kaum auf die
Straße gehen. Die Kinder kleben sich die Ohrläppchen mit weißem Tapeband
ab, bevor sie zur Schule gehen, das Trikot mit der Nummer 9 und der
Aufschrift Porno ist der Verkaufsschlager.

"Irgendwann habe ich mich damit abgefunden und erzählt, dass ich drei
Pornofilme gedreht habe und noch zwei nach meiner Profikarriere drehen
müsse." Auch eindeutige Angebote bleiben nicht aus. "Aber welche Frau",
rätselt Lehmann noch heute, "geht mit einem Pornodarsteller nach Hause?"
Lehmann zieht 2001 weiter zum FC Motherwell, von da aus nach Japan und 2004
nach Regensburg, der letzten Station seiner Karriere als kickender
Erotikstar.
Heute lebt er im belgischen Eupen, 15 Autominuten entfernt von Aachen.
Lehmann kleidet sich gerne auffällig, Pullover in Pink, das Hemd im
Rosaton. Um den Hals glitzert Schmuck. Er hat sich so hergerichtet, als ob
al-Fayed gleich um die Ecke biegen könnte, um seine süßen Goldbarren zu
verteilen. Nach den verrückten Inseljahren ist es "manchmal schwierig, die
Ansprüche herunterzuschrauben und ein normales Leben zu führen".

Vor zweieinhalb Jahren hat Lehmann eine Lehre zum Industriekaufmann
begonnen, die er im Januar 2007 abschließen will. Er ist 35, in der
Berufsschule sitzt er zwischen 18-Jährigen. "Meine erste Note war eine
vier, da habe ich mich ein bisschen geschämt." Inzwischen schreibt er gute
Klausuren und wurde zum Klassensprecher gewählt. Lehmann, der von Keegan,
Eric Gerets, Terry Butcher und Morten Olsen trainiert wurde, stürmt jetzt
in der Verbandsliga Mittelrhein bei Borussia Freialdenhoven. Manchmal zeigt
er den Mitspielern Videos aus der Welt, in der ihm die Rolle des Pornostars
zugefallen war.

Lehmanns Schnauzbart ist schon lange abrasiert, nach einer verlorenen Wette
mit Chris Coleman, dem jetzigen Trainer des in der Premier League
angekommenen FC Fulham. Aber eines wird er nicht mehr los, sein Image.
"Einmal Pornostar, immer Pornostar." Zu Weihnachten werden wieder die alten
Mitspieler anrufen und ins Telefon brüllen: "Hey Diggler, alles klar bei
Dir?"

 
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